So funktioniert der Test

Mitunter ist uns gar nicht klar, welche impliziten Assoziationen wir beim Anblick anderer Personen haben. Dabei könnte uns dies helfen, unser Erleben und Handeln besser zu verstehen und anzuerkennen, dass wir alle Vorlieben und auch Vorurteile haben. Der anerkannte „Implizite Assoziationstest“ (IAT) der Harvard Universität ermöglicht diese Selbsterfahrung, indem er individuelle Vorlieben misst und auswertet.

Stärken, Schwächen und auch Vorurteile sind menschlich. Jeder von uns hat Vorurteile, doch niemand gibt sie gerne zu. Befragt man Menschen zu ihren Einstellungen gegenüber anderen Personengruppen, erhält man meist sozial erwünschte Antworten. Das liegt zum einen daran, dass wir uns alle gern von unserer besten, stets passenden Seite zeigen wollen und zuweilen auch nicht immer offen und ehrlich sind. Zum anderen ist vielen gar nicht bewusst, welche diskriminierenden Denkmuster in ihren Köpfen schlummern. In jedem von uns gibt es Verknüpfungen im Gedächtnis, die bei spontanen Reaktionen zum Vorschein kommen.  Diese Verbindung von Kategorien im Gedächtnis können unbewusst sein und dazu führen, dass wir in Stereotypen und Vorurteilen denken.  Das jedenfalls vermutete der amerikanische Psychologe Anthony Greenwald und entwickelte zusammen mit anderen US-Wissenschaftlern 1998 ein Testverfahren für die Sozialpsychologie, mit dem implizite Einstellungen messbar und somit sichtbar werden: den „Impliziten Assoziationstest“ (IAT).

Mit dem IAT implizite Assoziationen aufdecken

Der IAT ist eine international anerkannte und erprobte Messmethode zur Selbstüberprüfung, wie wir spontan andere Menschen und unsere Umwelt einordnen und bewerten. Wie? Indem die spontanen Reaktionen von Personen erfasst und verglichen werden. Dafür müssen Teilnehmende im Test zwei gegensätzlichen sozialen Kategorien (in unserem Test sind es die  von Weißen und Schwarzen Menschen) positive und negative Eigenschaften zuordnen. Entscheidend ist die Reaktionszeit bei der Zuordnung innerhalb der verschiedenen Kategorie-Kombinationen. Je kürzer die Reaktionszeit, desto eher sind implizite Assoziationen vorhanden. Implizite Assoziationen sagen aber nicht unbedingt etwas über die eigenen Werte und Überzeugungen aus, sondern sie spiegeln vor allem, wie eng die jeweiligen Kategorien bereits im Gedächtnis miteinander verknüpft sind.

In der Stereotypen-Forschung ist der IAT heute weltweit verbreitet und ein beliebtes Werkzeug in der Sozialpsychologie. Der IAT kann aufzeigen, dass auch jene Menschen Präferenzen haben, die dies vielleicht von sich weisen würden. Dennoch reicht der IAT zur Aufdeckung unbewusster Voreinstellung allein nicht aus. Nur durch eine Kombination von verschiedenen Messmethoden und Verfahren sind verlässliche Vorhersagen zu Vorurteilen möglich. Und Vorurteile hat jeder schon im frühen Kindesalter, weil sie notwendig sind, um sich die eigene Umwelt zu erschließen.

Vorurteile dienen der raschen Verarbeitung komplexer Informationen. Wir nutzen bestimmte Wahrnehmungsmuster, um in brenzligen Situationen prompt reagieren können. Die stereotypischen Muster laufen größtenteils spontan ab und dringen nicht in unser Bewusstsein vor. Ungünstigerweise entfalten Stereotype oder Schemata ihre Wirkung selbst in Situationen, in denen eine abgewogene Analyse verschiedener, teilweise widersprüchlicher Aspekte angebracht und auch möglich wäre. Vorurteile werden also aus Gewohnheit angewendet, wenn sie nicht entlarvt, bewusst kritisiert und korrigiert werden.“ (Prof. Dr. Konrad Schnabel)

Selbsterfahrung in Sekundenschnelle?

Bei unserem IAT kannst du einfach mal überprüfen, ob du implizite Assoziationen beim Anblick von Schwarzen oder Weißen Menschen hast. Dafür werden deine spontanen Reaktionen gemessen und in Verbindung zueinander gesetzt. Der Test offenbart aber lediglich, welche der beiden Kategorien (also Schwarze oder Weiße Gesichter) du rascher mit positiven Eigenschaften assoziierst. Es werden also relative Assoziationsstärken erfasst und keine absoluten Einstellungen – egal ob positiv oder negativ – zu einer vermeintlichen Gruppe. Dennoch sind deine Reaktionszeiten ein indirekter Indikator für spontane Assoziationen und vielleicht ein Grund dafür, wie du mitunter unbewusst deine Umgebung bewertest.

„Der Implizite Assoziationstest ist besonders relevant, wenn es um Eigenschaften oder Einstellungen geht, die man sich nicht so gerne eingesteht. Implizite Verfahren erlauben einen Zugang zu automatischen Prozessen im Gehirn, die nur eingeschränkt kontrolliert werden können.“ (Prof. Dr. Konrad Schnabel)

So funktioniert der Test

Alles, was man für den Test braucht, ist ein mobiles Endgerät bzw. ein Computer und zwei Tasten einer Tastatur: und zwar „e“ und „i“. Der Test dauert nur wenige Minuten. Es gibt vier Kategorien: Schwarze Menschen und Weiße Menschen, die durch Porträts dargestellt werden, und gut und schlecht, die durch einzelne Wörter wie Qual, Angst bzw. Lachen, Frieden veranschaulicht werden. Anhand der zwei Tasten müssen nun diese Worte und Porträts in diversen Kombinationen zusortiert werden. Und zwar so schnell wie möglich.

Im ersten Durchgang muss die Taste „e“ so schnell wie möglich gedrückt werden, wenn ein Schwarzer Mensch und ein negatives Wort auftauchen und die Taste „i“ wenn positive Wörter und ein Weißer Mensch auftauchen. Dann werden die Kategorien getauscht und man muss eine bestimmte Taste drücken, wenn ein Weißer Mensch und ein negatives Wort auftauchen bzw. ein Schwarzer Mensch und ein positives Wort. Je schneller man bei einer bestimmten Kombination reagiert, desto stärker ist die Assoziation in der Gedankenwelt. Das heißt: Ordnet man „Weißer Mensch“ und „gut“ einander schneller zu, als „Schwarzer Mensch“ und „gut“, bevorzugt man implizit Weiße Menschen. Das klingt jetzt vielleicht kompliziert. Doch wenn du den Test startest, wird sofort klar, wie er funktioniert. Am besten, du probierst es hier (LINK) einfach mal aus.

Kontrovers diskutiert, global eingesetzt

Einige Kritiker bemängeln, dass es keine schlüssige Umrechnungsmethode bei der Reaktionszeit gibt. Andere behaupten, der Test könne von bereits informierten Probandinnen und Probanden durchaus manipuliert bzw. überlistet werden. Zudem wird die Reaktionsgeschwindigkeit davon beeinflusst, wie vertraut eine Kategorie oder ein Wort für Befragte ist. In Deutschland begegnet man viel öfter Weißen Menschen und entwickelt daher auch eine größere Vertrautheit gegenüber Gesichtern von Weißen Menschen. Andererseits könnten Probandinnen und Probanden mit dem Anblick von Schwarzen Menschen zum Beispiel unwillkürlich das Thema Sklaverei und Ausbeutung verbinden. Dies löst unbewusst negative Gefühle aus, muss aber nicht notwendigerweise in rassistischen Denkmustern begründet sein. Test-Befürworterinnen und -Befürworter halten aber dagegen, dass sich die Ergebnisse des IAT mit denen anderer Versuche decken. Für diese Kampagne dient der Test vor allem der Selbsterfahrung und soll Menschen helfen, ihre eigenen Vorurteile zu ergründen und zu hinterfragen. Hier findest Du ein FAQ zum Test.

Die Köpfe hinter dem Harvard-Test

Das internationale Forschungsteam „Project Implicit“ hat den IAT für die Allgemeinheit aufbereitet. Zu „Project Implicit“ gehören neben Tony Greenwald unter anderem die amerikanische Psychologin Mahzarin Banaji von der Harvard University, der amerikanische Sozialpsychologe Brian Nosek sowie der deutsche Psychologe Prof. Konrad Schnabel von der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin. Wichtig zu wissen ist auch: Machst du den Test direkt hier auf unserer Seite, dienen die erhobenen Daten nur dem reinen Selbstzweck und nicht den allgemeinen Forschungszwecken.

Neugierig, welche impliziten Assoziationen du so hast?

Teste einfach mal, wie du spontan beim Anblick von Weißen und Schwarzen Menschen reagierst. Der Test kann wertvolle Denkanstöße geben und motivieren, das eigene Handeln zu hinterfragen. Ein erster und wichtiger Schritt, um Diskriminierung vorzubeugen. Was du noch alles tun kannst und welche Projekte es innerhalb des Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gibt, erfährst du hier: